Das Urban Art Festival MURAL CITY verwandelt Bremer Fassaden in großformatige Kunstwerke. Dabei steht jedes Jahr ein übergreifendes Thema im Zentrum und bringt internationale Künstler:innen mit thematischen Partnern zusammen. Nach „Beauty of Nature“ im Jahr 2025 folgte 2026 „Beauty of Science“: Elf neue Murals übersetzen wissenschaftliche Projekte in Bilder, die fortan die Urban Art in Bremen ergänzen.  

Von Aylin Krieger

07. Sep 2026

© Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance

Sync Ratio - neues Mural inspiriert von der UBRA 

Eines dieser Werke ist „Sync Ratio“ am Fehrfeld 39 im Bremer Viertel. Der chilenische Künstler Nense Tango greift darin Künstliche Intelligenz, Robotik und das Verhältnis von Mensch und Maschine auf. Die Inspiration für dieses Kunstwerk lieferte die U Bremen Research Alliance als Science Partner.

Im Zentrum steht eine Frage, die auch die Forschung in Bremen prägt: Wie bringt man einer Maschine bei, was Menschen selbstverständlich erscheint: sehen, greifen, verstehen?

Mensch und Maschine als Spiegel

Wie nah können sich Mensch und Maschine kommen? „Sync Ratio“ macht diese Frage sichtbar.

Das Mural zeigt eine Figur mit geschlossenen Augen. Sie hält ein glänzendes Chromherz in den Händen. Rosafarbene Scanfelder liegen über ihrem Gesicht, als würde ein technisches Sehsystem sie erfassen.

Das Herz verbindet Mensch und Technik: Es erinnert in seiner Form an etwas Organisches, wirkt durch das Material aber technisch. Auch der Titel verweist auf diese Annäherung. „Sync Ratio“ beschreibt, wie stark sich beide Seiten synchronisieren.

Offen bleibt, wer hier wahrnimmt und wer gelesen wird. Denkt die Figur oder wird sie analysiert? Ist sie Subjekt oder Objekt?

Genau in dieser Unschärfe liegt die Stärke des Werks. Nense Tango zeigt keine einfache Gegenüberstellung von Mensch und Maschine. Er zeigt einen Moment, in dem beide ineinandergreifen: Körper, Wahrnehmung und Technik.

Ein Impuls aus der Bremer KI-Forschung

Der wissenschaftliche Bezug von „Sync Ratio“ führt direkt zu einer Frage, die auch die Bremer Forschung antreibt: Wie bringt man einer Maschine bei, was Menschen selbstverständlich erscheint – sehen, greifen, verstehen?

Genau an dieser Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine wird in Bremen geforscht. Das Land zählt zu den starken KI-Standorten in Deutschland und war 2026 Ausrichter der IJCAI-ECAI, einer der weltweit wichtigsten Konferenzen für Künstliche Intelligenz.

Die U Bremen Research Alliance ist ein Netzwerk, in dem Einrichtungen über Fachgrenzen hinweg an Künstlicher Intelligenz arbeiten. Mit dem Wissenschaftsschwerpunkt Minds, Media, Machines und dem DFKI verbindet die Bremer Forschung Robotik, Wahrnehmung und maschinelles Lernen: von Robotern, die alltägliche Handgriffe am menschlichen Vorbild erlernen, bis zu Systemen, die Biosignale und Sinneseindrücke auswerten.

Der Anspruch dahinter ist, Künstliche Intelligenz offen, nachvollziehbar und dem Menschen zugewandt zu entwickeln.

© Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance

Science Talk zu "Wearable Neuroscience for Human-Centric AI"

Während „Sync Ratio“ entstand, wurde die Verbindung von Kunst und Forschung direkt vor Ort erlebbar. Am 20. August 2026 sprach Matthew White vom Cognitive Systems Lab der Universität Bremen im Science Talk „From the Lab to Everyday Life: Wearable Neuroscience for Human-Centric AI“ vor der Hauswand, während Nense Tango an dem Mural arbeitete.

Im Fokus standen tragbare Biosignalsensoren, darunter EEG und fNIRS, sowie alltagsnahe Befragungsmethoden. Sie können helfen, kognitive Prozesse, Stress und Entscheidungsverhalten außerhalb klassischer Laborumgebungen zu untersuchen. Der Vortrag schlug damit eine direkte Brücke zwischen dem Bildmotiv und aktueller Forschung zu menschenzentrierter KI.

Nense Tango, mit bürgerlichem Namen Martín Gómez, wurde 1993 in Santiago de Chile geboren, wo er auch studierte. Sein Werk bewegt sich zwischen figurativer Malerei und digitaler Ästhetik und untersucht das Verhältnis von Mensch und Technik, von Körper und Wahrnehmung.   © Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance  
Matthew White (links) hielt vor Ort seinen Science Vortrag.   © Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance  

MURAL CITY macht Summer of AI langfristig in Bremen sichtbar 

„Sync Ratio“ entstand in einem Sommer, in dem Künstliche Intelligenz in Bremen besonders präsent war: mit der IJCAI-ECAI 2026, dem KI x Open Lab, den AI Lounges und öffentlichen Vorträgen. Am Fehrfeld 39 bleibt davon ein sichtbarer Ort zurück.

Die elf Murals von MURAL CITY – Beauty of Science sind keine temporären Festivalspuren. Sie bleiben im Bremer Stadtraum und machen wissenschaftliche Themen dort zugänglich, wo Menschen ihnen im Alltag begegnen. Begleitende Infotafeln erklären die wissenschaftlichen Hintergründe direkt vor Ort und laden dazu ein, stehen zu bleiben, genauer hinzusehen und weiterzufragen.

So bleibt der Summer of AI in Bremen über die Veranstaltungswochen hinaus sichtbar: als Kunst im öffentlichen Raum, als Anstoß zum Nachdenken und als Einladung, Bremer Forschung zu entdecken.

Künstlerin Mandioh kreierte das Werk "Be the change you want to see". Science Partner: MARUM.   © Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance  
Am Dobben 28 hat Künstler ISS.UE ein Werk mit dem Science Partner "The Martian Mindset" geschaffen. Die Marsperspektive ist ein neues Exzellenzcluster der Universität Bremen.   © MURAL CITY 2026  
Zur Begrüßung des Eröffnungsfestes sprach Staatsrätin Karolina Kumar (Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft).   © Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance  
Das Werk "Laminar Dream" von Künstler Zark Oner. Science Partner: ZARM & ECOMAT. Standort: Fehrfeld 41.   © Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance  
Fehrfeld 41 (Rückseite): Links: "Alliance", Künstler: Spoare153, Science Partner: Northwest Alliance | Rechts:"Thermics" von Glow Graff, Science Partner: IMSAS, BEN   © Aylin Krieger / U Bremen Research Alliance  

Über Mural City

MURAL CITY ist ein Projekt des gemeinnützigen URVANGARDE e. V.; Lucky Walls übernimmt im Auftrag des Vereins Konzeption, Organisation und Durchführung. Für 2027 ist mit „Beauty of Culture“ bereits das nächste Kapitel geplant.