Von Aylin Krieger
02. Jul 2026
Ocean Literacy in Zeiten der Ozeankrise
Die Ozeane sind zentral für das Leben auf der Erde. Zugleich stehen sie zunehmend unter Druck: durch Plastikverschmutzung, toxische Belastungen, Eutrophierung, Überfischung, Beifang, Schäden am Meeresboden, schmelzendes Polareis, steigende Meeresspiegel und die Aussicht auf Tiefseebergbau. Diese Herausforderungen sind nicht nur ökologischer oder technischer Natur. Sie sind auch kulturell, historisch, politisch, wirtschaftlich und sozial.
Hier setzt das Forschungsfeld der Blue Humanities an. Es untersucht, wie Gesellschaften das Meer verstehen, erzählen, bewerten, nutzen, erinnern und schützen. Das Feld verbindet Perspektiven aus Literatur- und Kulturwissenschaft, Museumswissenschaft, Geschichte, Anthropologie, Geografie, Philosophie, Medienwissenschaft, Critical Marine Studies, Umweltwissenschaften und maritimer Ökonomie.
Beim Symposium diskutierten Forschende aus Europa, der Türkei, Nordamerika, Südafrika, Taiwan und dem pazifischen Raum, wie unterschiedliche Formen von Ozeanwissen miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Im Mittelpunkt stand Ocean Literacy: ein erweitertes Verständnis der Ozeane und der Beziehungen zwischen Mensch und Ozean. Dazu gehört wissenschaftliches Wissen, aber ebenso erfahrungsbasiertes, lokales, indigenes, historisches, künstlerisches und objektbasiertes Wissen.
Die Diskussionen befassten sich mit ozeanbezogenen Werten und Wissensformen, Medien und Performances, Praktiken und Formen, Geschichten und Archiven sowie Infrastrukturen und Politik. Die Themen reichten von Tiefseebergbau, Überfischung, Ozeanen und Imperium, Hydrobodies, queeren Ozeanen, Arbeit auf See, militärischer Nutzung und Extraktion bis hin zu Multispezies-Beziehungen, emotionalen Verbindungen, kulturellem Erbe, Lehre, Fürsorge, Schutz, Bewusstsein und Verantwortung.

Vom Austausch zum künftigen Netzwerk
Das dreitägige Programm führte von einer gemeinsamen Orientierung hin zum konkreten Netzwerkaufbau. Es begann im Deutschen Schifffahrtsmuseum, Leibniz-Institut für Maritime Geschichte, in Bremerhaven. Führungen gaben den Teilnehmenden Einblicke in maritime Geschichte, Museumssammlungen, objektbasierte Forschung und aktuelle Debatten rund um die Ozeane.
Am zweiten Tag wurde das Symposium im Forum am Domshof in Bremen fortgesetzt. Kurze Impulsvorträge gaben den Teilnehmenden einen Überblick über die Forschung, Methoden und Perspektiven, die im künftigen Netzwerk vertreten sein werden.
Der letzte Tag war als Workshop konzipiert. Die Teilnehmenden entwickelten Netzwerkthemen und begannen, Arbeitsgruppen für den geplanten COST-Action-Antrag zu bilden. Diese Gruppen definierten erste Themen, Ziele, Aufgaben und Ergebnisse. Auf diese Weise ging das Symposium über den akademischen Austausch hinaus und schuf konkrete Strukturen für die künftige Zusammenarbeit.

UBRA als Katalysator für Bremer Kooperation
Das Symposium machte auch die besondere Stärke von Bremen und Bremerhaven als Wissenschaftsstandort sichtbar. Die Zusammenarbeit zwischen der Universität Bremen, dem Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) und dem Deutschen Schifffahrtsmuseum, Leibniz-Institut für Maritime Geschichte, brachte Perspektiven zusammen, die in einem Forschungszusammenhang nur selten gemeinsam betrachtet werden.
Die Universität Bremen brachte Expertise aus Literatur- und Kulturwissenschaft ein. Das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung ergänzte ozeanografische, wirtschaftliche und nachhaltigkeitsorientierte Perspektiven. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum, Leibniz-Institut für Maritime Geschichte, brachte historische, archivalische, museumsbezogene und objektbasierte Expertise ein.
Diese Kombination prägte das Symposium. Sie spiegelte zugleich die Grundidee des geplanten Netzwerks wider: Die Herausforderungen der Ozeane erfordern Kooperation über Disziplinen, Institutionen, Regionen und Wissenskulturen hinweg.
Für die U Bremen Research Alliance zeigte die Veranstaltung, was institutionenübergreifende Zusammenarbeit leisten kann. UBRA schafft Räume, in denen die Universität Bremen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen ihre Stärken bündeln, gemeinsame Agenden entwickeln und große gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam bearbeiten.
Ausblick: Antrag für eine COST Action
Ein zentrales Ziel des Symposiums war es, die Forschungsidee „Ocean Literacies – Literatures of Oceans“ für einen Antrag auf eine EU-geförderte COST Action weiterzuentwickeln. Das künftige Netzwerk wird sich auf Ocean Literacies und vielfältige Formen von Ozeanwissen konzentrieren. Es wird untersuchen, wie dieses Wissen entsteht, dargestellt, übersetzt, geteilt und verhandelt wird. Zudem wird es der Frage nachgehen, wie Literatur, Medien, Archive, Museumsobjekte, Bildung und öffentliche Kommunikation zu nachhaltigeren Beziehungen zwischen Mensch und Ozean beitragen können.
„Das UBRA-Symposium war ein sehr produktiver und intensiver Workshop. Es gab den Forschenden im künftigen Blue-Humanities-Netzwerk die Möglichkeit, einander kennenzulernen, mehr über die jeweilige Forschung zu erfahren und langfristige Verbindungen aufzubauen. Vor allem haben wir gemeinsam Strategien für Ocean Literacy und für den Aufbau von Wissen über Ozeane im Rahmen der UN Ocean Decade entwickelt. Diese Arbeit soll in einem künftigen COST-Action-Netzwerk fortgeführt werden“, sagte Prof. Dr. Kerstin Knopf.
Das Symposium machte deutlich: Um die Ozeane zu verstehen, braucht es mehr als Daten allein. Es braucht auch Erzählungen, historische Perspektiven, Objekte, Werte, Praktiken und gemeinsame Verantwortung. Durch die Unterstützung dieses Austauschs hat die U Bremen Research Alliance dazu beigetragen, ein entstehendes internationales Forschungsfeld in ein konkretes Arbeitsnetzwerk zu überführen. Damit stärkt sie zugleich Bremens Rolle als Ort, an dem globale Fragen durch Kooperation bearbeitet werden.
Was ist eine COST Action?
Eine COST Action ist ein vierjähriges europäisches Forschungsnetzwerk, das Forschende, Innovator und Partner aus Wissenschaft, öffentlichen Einrichtungen, Industrie, kleinen und mittleren Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen und weiteren Organisationen zusammenbringt. COST finanziert keine Forschung im engeren Sinne, sondern unterstützt Netzwerkaktivitäten wie Workshops, Konferenzen, Training Schools, Short-Term Scientific Missions, Kommunikationsaktivitäten und virtuelle Zusammenarbeit.
COST Actions sind offen für alle Wissenschafts- und Technologiefelder, auch für entstehende Forschungsfelder wie die Blue Humanities. Sie helfen beim Aufbau internationaler Netzwerke, unterstützen Wissenschaftler in frühen Karrierephasen und schaffen häufig die Grundlage für künftige europäische Forschungsförderung.









